Montag, 4. August 2014

Fotos machen steht mir

Es gibt viele Arten von Fotografen. Toscani hat sie alle zu einer Kategorie zusammengedampft, in dem er sagte: Wir sind alle Fotografen!

Ich weiß nicht, ob man hinter diesen Satz ein Ausrufezeichen setzen sollte, ich habe es getan, weil ich gegen Ausreden bin: Meine Kamera war zu laut. Das Model hat was Falsches gegessen. Die Polizei war hinter mir her. Diese sog. Umstände verhindern das Stehen zum eigenen Bild.

Die Portraits der Welt sind nun einmal Selbstportraits des Fotografen, psychologische Expertisen der Seele, Gedichte und Naivitäten neben den Realitäten der Nachrichtenagenturen.

Bilder entstehen aus Neugier. Ich bin neugierig, weil ich schreibe, mit Menschen rede, gerne verfolge wie ein Schicksal zum Lebensinhalt wird und ein Stück Stein zur Geschichte. Ich gucke dahinter und darunter, interessiere mich entweder für das Bild oder die Menschen.

Gibt es dann also einen Unterschied zwischen Knipsen und Fotografieren? Es gibt kein Knipsen. Das ist die Wahrheit. Es gibt nur dass Bilder machen ohne Plan und ein fotografisches Erleben mit Plan. Bilder ohne Plan zeigen von dem Fotografen Seiten, die man nicht sehen möchte. Sie zeigen den noch fehlenden Respekt vor dem Objekt. Seelenloses Ablichten mit gesellschaftlich erhöhtem Titel. Da steckt kein Mühen dahinter, sondern der Drang nach einer schnellen Lösung.

Fotos machen braucht deswegen Zeit, weil es ein vor und danach gibt, unabhängig davon ob es im entscheidenden Augenblick ganz schnell gehen muss.

Wenn ich durch Hamburgs Stadtteile wandle, erlebe ich ihre Geschichte neu und sehe erst dann die Motivgesichter dieser Teile. Atmet dieser Teil grade heftig oder will er seine Ruhe vor mir haben? Je länger ich spazieren gehe, desto stiller wird es dann. Und nach zwei oder drei Stunden oder später gelingen dann die Bilder. Entstandene Bilder.

Als ich den Schauspieler und Oberstaatsanwalt a.D. Dietrich Kuhlbrodt treffe, nehme ich bei Gespräch und Keks die Kamera raus und erfahre alles, was ich sehen will. Viele Fotos sind dafür nicht nötig. Im Garten dann ergreift er den Himmel, die Verbindung zwischen seiner und meiner Geschichte. Ich habe in diesem Moment die kleine Fuji im Anschlag. Besser hätte es nicht laufen können.

Niederlagen sind aber lehrreicher. Der ganze mitgebrachte Schwung an Fehlbelichtungen, geplatzte Verabredungen, dass nicht vordringen können in die Selbstverliebtheit der zu Fotografierenden. Displaygucker, die sagen: Das sieht aber blöd aus. Damen und auch Herren, die in die Kamera schauen und auf Anweisungen warten, die es gar nicht gibt. Geschichtenerzähler, welche die Kamera meiden.

Deswegen behalte ich stets den ganzen heimgebrachten Balast der Speicherkarten und Negative. Nur die Gesamtfuhre gibt Auskunft über das Ganze, wie bei Winogrand oder dem einen oder anderen Fotofreund, dem ich begegnete.

Was machst du mit den ganzen Bildern? So die Frage der Leute.

Ich antworte, dass ich sie zu einer großen Collage im Kopf zusammensetze, weil ich nicht anders kann.

Gibt es mittlerweile deine Fotos deines Lebens? So keine Frage der Leute.

Ich antworte, dass es die mittlerweile gibt, aber dass dies eigentlich nichts zur Sache macht. Denn Fotos machen steht mir. Man wird angesprochen, ob man nicht der Fotograf sei, der dort damals dieses Bild gemacht hat, der in seiner Art das Regionalfernsehen ersetzt. So etwas freut einen natürlich in einer Zeit der Selfies und Outings.

Oft sagen mir über Fotografie die Nichtfotografen mehr als die Fotografen. Das ist ein erstaunlicher und auch böser Effekt.

Ich habe Bilder gemacht, die Assistenz darstellen, zwischen Behinderten und deren Assistenten. Man muss in sich schauen, um zu verstehen was da vor sich geht. Man muss begreifen, dass wenn die rechte Hand zum Greifen fehlt, diese dringend und immer und immer wieder ersetzt werden muss und der linke Fuß ebenfalls. Diese geflügelten Worte von Händen und Füßen zeigen mir wieder, dass sich die gemachten Bilder im Kopf sammeln, also in der Mitte.

Immer wieder werde ich zum Bildschnitt gefragt. Was ist ein guter Schnitt und was ein Schlechter? Erst einmal sollte man das Wesentliche sehen können und das Unwesentliche nicht. Schaut man auf das Gros der Handybilder bei Facebook und anderswo, dann bekommt man meistens flache und einfache Informationen. Also Zweck erfüllende und frontale.

Man stelle sich vor, man sitzt auf einer Bank im Park. Menschen gehen vorbei. Große und Kleine, Schnelle und Träge. Man sieht diese Menschen nie frontal von vorne, immer leicht von der Seite, immer eher abgewendet und immer eingebettet in ihrer Umgebung mit Weg und Park und anderen Menschen. Ebenso in der Bahn hinaus aufs Gleis und gleichzeitig in den Innenraum schauend. Alles nicht direkt, alles nicht Frontal. Alles hinter einem, flüchtig, nur zufällig präsent, gleich bleibend ruhig erzählend wie ein altes Röhrenradio. Gleichzeitig schrill und laut und knackig, wie die Nachrichtenlage im Smartphone. So wie man sitzt und so wie man sieht und wahrnimmt, so fotografiert man. Der Blick wandert vielleicht etwas nach rechts, ein störendes Element wandert vielleicht aus dem Bild. Man senkt vielleicht kurz den Blick um weniger Himmel drauf zu haben. Aber das ist schon die Grundlage für einen gelungenen Schnitt. Und wenn die Elemente die eigene Wahrnehmung verwirren, dann war zu viel zu sehen, zu viel Informationen. Weniger ist mehr. Mehr ist die eine Botschaft, mehr ist ein Bild was erzählt und nicht doziert.

Die Belichtungszeit löst keine Geschichte auf.





4. August 2014

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